Am nächsten Morgen sah JP aus, als hätte er die Reeperbahn eigenhändig zurück in die 2. Liga geschubst. Die Sonnenbrille war größer als sein Gesicht, der Kaffee stärker als mancher Pauli-Zweikampf. Er ließ sich im Frühstücksraum gegenüber von SamiNo in den Stuhl fallen.
„Mon coach“, murmelte er, „ich habe neue Informationen.“
SamiNo legte den Löffel ab. „Wenn die Informationen so riechen wie du, will ich sie vielleicht gar nicht hören.“
JP ignorierte die Spitze. „Recherche“, verkündete er und zog sein Handy hervor, als wäre es eine geheime Scouting-Mappe. „Ich habe nach unserem Tanz auf der Reeperbahn ein paar Leute getroffen. Leute, die Klein Suchti kennen. Und – Überraschung – er ist der beste Buddy von McLover.“
SamiNo blinzelte. Der Name traf ihn wie eine alte Gelbsperre. „McLover. Der Vogel, der mit Marseille im Coupe de France gegen uns rausgeflogen ist und danach so gejammert hat, als hätte man ihm die Playstation weggenommen.“
„Exactement“, nickte JP. „Der, der nach der Niederlage gegen AJ Auxerre gesungen hat wie ein kleines Mädchen im Regen und dann sogar Frankreich verlassen hat. Sie scheinen vom gleichen Schmied zu sein. Gleiche Frisur im Kopf. Klein Suchti wird bald auch jammern, wie unfair alles ist. Wundert sich keiner – das erklärt sein ganzes Auftreten.“
SamiNo lehnte sich zurück. „Das würde vieles erklären. Vor allem diese Texte.“
Als hätte das Schicksal auf Stichwort gewartet, ploppte eine neue Nachricht in der Mannschaftsgruppe auf. Einer der Spieler hatte wieder Torsuchtis neuesten Monolog aus dem Netz gefischt:
„Rache… Rache… Rache!!! [...]“
JP las laut vor, Stimme triefend vor Spott. Am Ende schnaubte er.
„Dass Klein Suchti in dieser Ausgangslage von Rache faselt“, sagte er trocken, „zeigt, wie hohl er ist. Er hat gerade fünf Stück gefressen, muss im Pokal gegen eine Mannschaft ran, die mehr Torkontingent hat und erzählt was von Flugzeug-Armada. Pauli wird gegen die Eintracht ausscheiden. Versprochen. Es sei denn, sie bekommen vorher noch einen Sonderpreis von der Umweltbehörde für überhöhten Sprayverbrauch.“
SamiNo grinste. „Vielleicht bewirbt er sich einfach als Kammerjäger und lässt das mit dem Trainer. Da muss man wenigstens keine Mikrowelle vorheizen.“
„Stimmt“, lachte JP, „Suchti ist so einer, der wirklich versucht, daheim die Mikrowelle vorzuheizen, damit das Würstchen sich nicht erschreckt.“
Beide brachen in Gelächter aus. Für einen Moment war alles leicht: Reeperbahn, Pokal, Augsburg, alles nur ein großer, schräger Film.
Dann wurde SamiNo ernst. „Also. Faktenlage: Durch unseren Sieg haben wir Pauli vom Thron geschubst. Augsburg ist Tabellenführer. Nächster ZAT: wir gegen Augsburg. Dazu Pokalhalbfinale hier in Hamburg gegen Pauli. Wir halten einiges in der Hand.“
JP nickte. „Wenn du gegen Augsburg verlierst, machst du Wasserlasser den Weg zum Titel frei. Wenn du im Pokal Pauli rausschmeißt, bleibt Klein Suchti titelfrei. Und seine Idee, die Saison frühzeitig zu beenden, kannst du endgültig beerdigen.“
„Klein Suchtis Wunsch nach der vorzeitig eingefrorenen Saison ist sowieso Geschichte“, sagte SamiNo. „Jetzt muss er die komplette Distanz laufen und wir stehen mit einem Eimer voll Stolpersteine daneben.“
„Aber“, hakte JP nach, „was machst du wirklich? Lässt du Augsburg gewinnen, um Pauli in der Liga zu sabotieren? Oder gehst du auf alles, überall?“
SamiNo überlegte. „Ich spiele für Eintracht Frankfurt. Wir sind keine Statisten im Kopfkino von St. Pauli. Wenn wir gewinnen können, gewinnen wir. Wenn wir stolpern, dann, weil wir müde, dumm oder unkonzentriert sind und nicht, weil ich irgendeiner Würstchen-Phantasie von Klein Suchti diene.“
Er nahm einen Schluck Kaffee. „Aber natürlich weiß ich: Egal wie wir gegen Augsburg spielen, für Pauli ist es ein Risiko. Entweder wir nehmen Augsburg Punkte ab und halten das Titelrennen offen. Oder wir machen Augsburg groß und schieben Pauli tiefer ins Regal. Am Ende ist klar: St. Pauli holt keinen Titel. Eintracht und SamiNo sei Dank.“
„In Frankreich“, setzte JP an, „sagen wir: ‚Wer mit Flöhen pokert, verliert immer seine Nerven.‘“
„Das sagt ihr ganz sicher nicht.“
„Ab heute schon.“ Er grinste.
SamiNo stand auf, streckte sich. „Gut, Professor Reeperbahn. Heute gibt es kein Tanzen auf Tischen. Heute ist Videoanalyse. Augsburg ist kein Würstchenstand, Wasserlasser ist kein Clown. Und Klein Suchti…“
„…ist ein Statist im falschen Film“, ergänzte JP. „Und bald ein weiterer Freund von McLover im großen Klub der ‚Es war alles so unfair‘-Jammerer.“
„Genau“, sagte SamiNo. „Sie können gerne gemeinsam eine Selbsthilfegruppe gründen: ‚Trainer gegen Ergebnisgewalt‘.“
Als sie später zum Mannschaftsbus gingen, wehte eine Möwe über dem Parkplatz, kreischte kurz und flog Richtung Hafen davon. JP sah ihr nach.
„Siehst du“, sagte er, „selbst die Möwen fliehen vor dem Flohspektakel.“
SamiNo schüttelte den Kopf, konnte sich ein Lächeln aber nicht verkneifen. Vor ihnen lag Augsburg, davor noch das nächste Trainingsspiel und irgendwo in Hamburg saß Klein Suchti sicher schon wieder über einer neuen Rache-Fantasie.
Nur eines stand fest: Die Saison würde nicht vorzeitig enden. Nicht für ihn, nicht für Pauli. Und wenn am Ende wirklich „Fliehende Flöhe flohen aus Frankfurt“ auf einem Titelblatt stehen sollte, dann vermutlich nur, weil JP wieder auf einem Tisch in Pauli stand und der Floh ausgerechnet dort am höchsten sprang.