Der Regen hatte aufgehört, aber der Riederwald fühlte sich an wie dieser Moment im Flugzeug, wenn die Anschnallzeichen ausgehen, aber alle wissen: Wir sind noch lange nicht da. Der 10. ZAT war durch, die Tabelle hing wie eine schlecht ausgerichtete Wasserwaage schief: Bayern oben, St. Pauli knapp dahinter, Augsburg im Schlepptau und mittendrin Eintracht Frankfurt. Ein Punkt hinter dem Podium, drei vor dem sportlichen Burn-out. Vier Spiele, vier Möglichkeiten: Absturz, Stillstand, Durchmarsch oder irgendwas dazwischen, das später „entwicklungstechnisch wertvoll“ genannt wird.
SamiNo blätterte den Kicker durch, als suche er eine bestimmte Seite, von der ihm jemand versprochen hatte, sie sei garantiert drin. Titelstory Bayern, Analyse Augsburg, irgendwo eine Randnotiz über Kiel. Aber da, wo sonst epische Romane aus dem Oberstübchen von St. Pauli standen, gähnte: nichts.
„Krass“, murmelte er. „Die haben die Druckerei nicht bezahlt.“
JP kam mit zwei Kaffeebechern rein, beides ohne Deckel, als wollte er dem Schicksal wenigstens eine Chance geben. „Was ist los? Keine Lehrstunde vom Kiez heute?“
„Nichts“, sagte SamiNo und hielt ihm die leere Kicker-Spalte hin. „Gar nichts. Kein ‚Wir regieren das Torrausch-Universum‘, kein ‚alle anderen Vereine sind nur Statisten in unserer Ich-Mal-Sie-Mir-Wie-Sie-Mir-Gefällt-Welt‘. Funkstille.“
JP beugte sich vor, als müsste er sicher gehen, dass es kein unsichtbarer Spezialdruck sei. „Vielleicht ist es so weit“, meinte er. „Vielleicht hat jemand in Hamburg festgestellt, dass man Tabellenplätze nicht mit Adjektiven boosten kann.“
„Oder er schreibt an einem Mehrteiler“, überlegte SamiNo. „Finale Trilogie, zwölf Kapitel, so was.“
„Wenn er noch lange schweigt, muss ich mir meine Beleidigungen selber ausdenken“, seufzte JP gespielt tragisch. „Das ist viel Arbeit.“
SamiNo klappte den Kicker zu. „Dafür haben andere die Feder geschwungen.“ Er zeigte auf einen Ausdruck auf dem Tisch. „Kiel.“
JP griff zu, las die Überschrift, räusperte sich und wechselte in den Modus zwischen Poetry-Slam und Mannschaftssitzung.
„‚Berlin, Berlin… wir fahren nach Berlin‘“, begann er. „Riesige Stimmung, riesige Freude, keiner hatte damit gerechnet. Sie wollten nur spielen, ab und zu gewinnen, und jetzt dürfen sie mit uns ins Finale tanzen.“
„Immerhin ehrlich“, kommentierte SamiNo.
JP las weiter: Eintracht als ‚kein unbeschriebenes Blatt‘, als Klub mit Ansehen, Fans in aller Welt, Kiel als Underdog mit Mut, Störche mit Brust und Bus. Es klang nach ehrlicher Vorfreude und sanfter Selbstverzauberung. Kein Gift, kein Gekreische, kein Zoologie-Seminar.
„Man muss sagen“, meinte JP, „der Mann kann schreiben, ohne jemanden mit Pestiziden zu drohen. Ist ungewohnt.“
„Und er glaubt an den Sieg“, sagte SamiNo. „Das sollte er auch. Sonst hätten wir ein Problem.“
„Na ja“, JP zuckte mit den Schultern, „die Störche rechnen vielleicht nicht mit der Tatsache, dass wir nach dieser Saison nicht nur Taktiktafeln, sondern auch gewisse Rechnungen offen haben. Liga, Pokal, Ehre. Einmal alles, bitte.“
Sie schwiegen einen Moment. Durch das Fenster sah man ein paar Spieler über den Platz trotten, regeneratives Laufen – dieser euphemistische Begriff für „Wir sind alle platt, aber tun so, als wäre es geplant“.
„Vier Spiele in der Liga“, zählte SamiNo leise. „Ein Finale in Berlin. Das ist entweder das Kapitel, nach dem alle sagen: ‚Ihr seid wahnsinnig‘, oder das, nach dem alle so tun, als hätten sie immer an uns geglaubt.“
„Du weißt schon“, sagte JP, „dass ab jetzt jeder Trainer in der Liga versucht, aus jedem deiner Sätze die TK-Verteilung rauszulesen. Wenn du in einem Interview hustest, schreibt irgendwo einer: ‚Aha, Auswärtsrisiko‘.“
„Genau deshalb brauchen wir Nebel“, sagte SamiNo. „Kein Rauch, das hatten wir schon genug, aber Nebel. Alle sollen sich sicher sein, dass sie wissen, was wir tun und trotzdem falsch liegen.“
JP grinste schief. „Dann ist es Zeit für den Plan.“
Der Plan begann mit einer Pinnwand.
Nicht irgendeiner Pinnwand, sondern einem absurd überfüllten Ungetüm aus Kork, das JP aus einem Lagerraum gezogen hatte. Sie stellten sie mitten in den Besprechungsraum, klebten eine Deutschlandkarte drauf und steckten bunte Fäden, Klammern, Fotos, ausgedruckte Heatmaps, Horoskope der Spieler, Screenshots von Kieler Fangesängen und einen Ausdruck der Tabelle drumherum.
Wer die Wand sah, konnte nur zwei Schlüsse ziehen: Entweder Frankfurt hatte einen genialen Masterplan oder man hatte im Riederwald einen Escape Room eröffnet.
„Das ist für die Kameras“, erklärte SamiNo. „Jeder, der hier reinschaut, soll denken, wir hätten die Weltformel in der Hand. In Wahrheit wissen nicht mal wir, was diese grüne Schnur soll.“
„Die grüne Schnur ist Dortmund“, improvisierte JP. „Oder der Kaffeeautomat. Ich bin mir noch unsicher.“
Daneben stellten sie einen Flipchart, auf dem groß „STRATEGIE – NICHT FOTOGRAFIEREN“ stand. Darunter kritzelten sie in sekundenschnelle unleserliche Pfeile, Zahlen und ein großes Fragezeichen.
„Wenn jetzt jemand durch den Türspalt filmt“, sagte JP, „posten sie das als ‚insider leak‘. Und während sie versuchen zu entschlüsseln, was ‚Z=R²+TK/Chaos‘ bedeutet, überlegen wir in Ruhe, ob wir gegen Köln oder Leverkusen mutiger sind.“
Die echten Notizen, nüchterne, kleine Zahlenkolonnen, Stärken-Schwächen-Listen, Rest-TK-Rechnung, landeten in einem unscheinbaren Collegeblock, der aussah wie das Matheheft eines mittelbegabten Schülers. Niemand hält so etwas für wertvoll, dachte SamiNo. Und genau das war der Punkt.
Am Nachmittag stand „visualisierte Vorbereitung“ auf dem Plan. Offiziell.
Die Mannschaft betrat den Video-Raum, sah den Beamer, sah die Pinnwand, sah JP, der mit einer Fernbedienung wedelte, als wolle er gleich eine Doku über Quantenfußball starten.
„So, mes amis“, begann er. „Wir schauen jetzt keine Spielszenen. Die kennt ihr. Stattdessen zeige ich euch… Möglichkeiten.“
Auf der Leinwand erschien eine Excel-Tabelle. In der ersten Spalte standen die nächsten Gegner, in der zweiten, dritten und vierten Spalte drei Farben:Rot, Gelb, Blau. Keine Zahlen, keine Begriffe.
„Rot heißt?“, fragte ein Spieler.
„Kommt drauf an, wer zuguckt“, antwortete SamiNo. „Für euch heißt es: konzentriert. Für die Presse: Panik. Für die anderen Trainer: Rätsel.“
„Und Blau?“
„Blau heißt, wir machen nichts von dem, was ihr denkt, dass wir machen. Und Gelb heißt, ihr fragt besser nicht nach.“
Es folgte eine halbe Stunde, in der sie mit Farben, Symbolen und Codewörtern arbeiteten, die selbst einen Kryptologen an den Rand der Kündigung gebracht hätten. Die Spieler bekamen klare Anweisungen, aber in der Öffentlichkeit sah es aus, als hätte Frankfurt beschlossen, das letzte Saisonviertel in einer Mischung aus moderner Kunst und Mathe-Olympiade zu bestreiten.
Später, als die Jungs weg waren, ließ JP sich in einen Stuhl fallen. „Glaubst du, das funktioniert?“
„Es funktioniert schon jetzt“, sagte SamiNo und zeigte ihm sein Handy. In einem Manager-Forum kursierte bereits ein verschwommenes Foto der Pinnwand, dazu 40 Kommentare, was das wohl über die TK-Verteilung verraten könnte.
„Einer schreibt“, lachte JP, „die lila Pinnnadel bedeutet, dass wir gegen Kiel defensiv starten. Lila! Wir hatten gar keine lila Nadeln, oder?“
„Nein“, sagte SamiNo. „Das war ein Kaugummi.“
Als es draußen dunkel wurde, blieb für einen Moment alles stehen. Kein Kicker-Text, kein neues Gedicht aus Kiel, kein giftiger Kommentar von irgendwo... nur das Summen des Flutlichts und das Rascheln des Rasens, der morgen wieder leiden würde.
„Weißt du“, sagte SamiNo leise, „ich mag das gerade. Dass in Hamburg niemand schreit, dass in Kiel jemand reimt, ohne zu protzen und dass wir hier sitzen und einfach… arbeiten.“
JP nickte. „Die anderen können sich Gedanken machen, ob wir mit fünf Stürmern oder ohne Torwart spielen. Wir wissen, dass am Ende keiner dieser Spekulationen entscheidet, sondern das, was in diesen vier Spielen passiert. Und in diesen letzten 120 Pokalminuten.“
„Und wenn es schiefgeht?“, fragte SamiNo.
„Dann bist du der Trainer, der es mit Flipcharts, Horoskopen und bunt verknoteten Fäden versucht hat“, sagte JP. „Schlimmer als ein normaler Saisonabschluss ist das auch nicht.“
„Und wenn es klappt?“
JP grinste. „Dann erklären wir im Pokal-Interview, dass der Schlüssel zum Erfolg die grüne Schnur war. Und keiner weiß, was das bedeutet.“
Sie lachten beide. Dann standen sie auf, löschten das Licht und ließen Pinnwand, Flipchart und Gerüchte in der Dunkelheit zurück.
Wie die Eintracht diesen letzten ZAT wirklich anging, würde niemand aus einem Foto, einer Schlagzeile oder einem Gedicht lesen können. Weder in Hamburg, noch in Kiel, noch sonst irgendwo.
Die Antwort würde, wie immer, nicht im Kicker stehen.
Sondern auf der Anzeigetafel.