Am Montag nach dem ersten ZAT saß SamiNo im Kraftraum auf einem Fahrrad, das nirgendwo hinfuhr, und trat mit jener Lustlosigkeit, die man nur entwickelt, wenn man am Wochenende erst 0:4 bei den Kickers verliert und dann zuhause 2:0 gegen Paderborn gewinnt. Drei Punkte, Platz 13, zwei Spiele, zwei Wahrheiten. Es war ein Saisonstart, der in Frankfurt wie immer aussah: erst Stirnrunzeln, dann Pflicht, dann vorsichtige Selbsttäuschung.
JP kam mit zwei ausgedruckten Artikeln herein, beide markiert, beide zerknittert, beide von Torsuchti.
„Chef“, sagte er mit der Ernsthaftigkeit eines Mannes, der entweder etwas begriffen oder etwas völlig missverstanden hat, „wir haben ein Problem.“
SamiNo trat weiter.
„Nur eins?“
JP setzte sich verkehrt herum auf eine Hantelbank.
„Er sagt, die Zuschauer sind nicht nur Zuschauer. Sie sind die Mannschaft. Und die Spieler sind nicht nur Spieler. Sie sind der Verein. Es gibt keine Welt außerhalb des Stadions. Nur noch Identifikation. Geistig bei den Fans, physisch bei den Spielern.“
SamiNo stoppte das Fahrrad.
„Aha.“
„Chef“, sagte JP leise, „wenn das stimmt, dann haben wir am Samstag nicht bei den Kickers verloren. Dann hat ein Verein gegen einen anderen Verein verloren, der gleichzeitig seine Zuschauer war, während wir vermutlich nicht ausreichend wir selbst waren.“
SamiNo starrte ihn an.
„Oder wir haben einfach schlecht verteidigt.“
JP hob die Hand.
„Ja, aber das wäre die langweilige Version.“
Eine Stunde später hatte JP aus der Sache eine Einheit gemacht. Er nannte sie „Identitätsblock I“. Der Name klang nach Sicherheitsbehörde, und genau so fühlte es sich auch an. Die Mannschaft musste sich im Kreis aufstellen. In der Mitte lag das Eintracht-Wappen auf einem Stuhl. Niemand wusste, warum es auf einem Stuhl lag. JP wusste es vermutlich selbst nicht genau, aber es verlieh der Sache Würde, und Würde war in Frankfurt nach Platz 13 derzeit Mangelware.
„Ihr schaut jetzt das Wappen an“, sagte JP, „und dann beantwortet ihr die Frage: Wo hört ihr auf und wo beginnt der Verein?“
Der Rechtsverteidiger hob vorsichtig die Hand.
„Gar nicht erst.“
„Falsch“, sagte JP.
„Zu philosophisch“, sagte SamiNo.
Der Torwart sagte: „Beim Gehalt fängt der Verein an.“
Das war ehrlich, half aber nicht.
Ein Innenverteidiger sagte nach langem Nachdenken: „Ich glaube, der Verein beginnt bei der Kabine und hört bei Twitter wieder auf.“
JP schrieb es auf. SamiNo war nicht sicher, ob als Antwort oder als Warnung.
Dann mussten alle einen Gegenstand aus ihrer Tasche holen, der beweisen sollte, dass sie „den Verein in sich trugen“. Heraus kamen: ein Autoschlüssel, ein Kaugummi, zwei Tape-Rollen, ein Foto vom Hund, ein Apfel, ein Ladegerät und bei einem Stürmer überraschend ein kleiner Parfümflakon.
„Und was daran ist Eintracht Frankfurt?“ fragte JP.
„Gar nichts“, sagte der Stürmer. „Aber es riecht besser als unsere erste Halbzeit bei den Kickers.“
SamiNo musste wegschauen, um nicht zu lachen.
JP wurde im Verlauf des Vormittags immer unruhiger. Torsuchtis Text hatte ihm etwas geöffnet, vermutlich an der falschen Stelle. Er lief mit einem Filzstift durchs Gebäude und schrieb Fragen auf Whiteboards, Türen und einmal beinahe auf die Fensterscheibe des Physioraums:
Bin ich Co-Trainer oder nur eine Verlängerung des Vereinswillens?
Kann man Abseits empfinden?
Hat ein Eckball ein Selbst?
Im Videoanalyse-Raum stand er plötzlich vor der Taktiktafel und sagte:
„Vielleicht war das Problem gegen die Kickers nicht unser Pressing. Vielleicht war es mangelnde metaphysische Durchdringung.“
„Nein“, sagte SamiNo, „das Problem war, dass wir ihnen beim 0:2 zugeschaut haben wie Touristen in einem Fischrestaurant.“
JP ignorierte das. Er war inzwischen überzeugt, dass man die Mannschaft auf einer tieferen Ebene „vereinigen“ müsse. Also führte er nach dem Mittagessen „Vereinsverschmelzung in drei Stufen“ ein. Erstens: Jeder Spieler musste den Namen des Vereins zehnmal langsam sagen, bis er sich fremd anfühlte. Zweitens: Jeder musste aufschreiben, was an ihm selbst entfallen könnte, ohne dass die Mannschaft es merke. Drittens: Schweigen.
Das Schweigen dauerte exakt vierzehn Sekunden.
Dann fragte der Kapitän:
„JP, wenn wir wirklich der Verein sind, wer ist dann der Zeugwart?“
JP wurde blass. Diese Frage hatte er nicht vorgesehen.
„Der… materielle Unterbau?“
In diesem Moment kam der Zeugwart tatsächlich herein. In beiden Armen trug er frisch sortierte Wäsche. Er schaute in die Runde, sah das Wappen auf dem Stuhl, die schweigenden Spieler, JP mit Filzstift und den Trainer mit dieser spezifischen Müdigkeit im Gesicht, die man nur entwickelt, wenn man für den Ernst anderer Leute mitverantwortlich ist.
„Ich brauch kurz die Trikotgrößen für Samstag“, sagte er.
Niemand antwortete.
Er sah auf seine Liste und runzelte die Stirn.
„Komisch.“
„Was?“ fragte SamiNo.
Der Zeugwart hielt einen Stapel Trikots hoch.
„Da ist was durcheinandergeraten. Die Hälfte von euch hat beim letzten Training wohl in falschen Sachen trainiert.“
„Wie falsch?“ fragte JP, plötzlich elektrisiert.
Der Zeugwart blätterte durch die Stapel.
„Ziemlich falsch. Zwei Sätze HSV-Trainingsshirts, ein Freiburg-Aufwärmtop, drei neutrale Testtrikots und bei einem von euch steht hinten ‘Kassel’ drauf.“
Es wurde still.
SamiNo sah in die Runde. Niemand war tot umgefallen. Niemand hatte plötzlich schlechter gepasst, weil er in der falschen Farbe trainiert hatte. Niemand hatte spontan die Vereinsgeschichte gewechselt.
JP stand da, als hätte ihm jemand leise die Luft aus seiner Theorie gelassen.
„Chef“, sagte er nach einer langen Pause, „das heißt ja…“
SamiNo nickte langsam.
„Ja. Offenbar sind wir doch nicht der Verein.“
JP schluckte.
„Was sind wir dann?“
SamiNo nahm das Wappen vom Stuhl, reichte es dem Zeugwart und sagte:
„Angestellte mit Trainingsrückstand.“