Der Klassenerhalt ist geschafft. Das klingt größer, als es sich anfühlte. In Frankfurt war der Verbleib in der Liga am Ende kein Triumph, sondern eher die erfolgreiche Verlängerung eines Mietvertrags, den man zwischendurch aus Fahrlässigkeit fast selbst zerrissen hatte. Platz 14, 45 Punkte, 74:78 Tore... eine Saison wie ein Staubsaugerbeutel: voll, unangenehm und am Ende trotzdem irgendwie noch im Gerät geblieben.
SamiNo wusste das. JP natürlich auch, nur sprach er darüber anders.
„Chef“, sagte er am ersten Tag der Sommerpause, „wir dürfen die alte Saison nicht analysieren. Wir müssen sie aus dem Körper treiben.“
Und so begann in Frankfurt eine Saisonvorbereitung, die weniger nach Profifußball und mehr nach einer schlecht kontrollierten Reha-Klinik für Symbolik roch.
Phase 1: Die Entgiftung des Vorjahres
JP eröffnete die Vorbereitung mit einem Programmpunkt namens „kontrollierte Enttäuschungsabgabe“. Jeder Spieler musste einen Gegenstand mitbringen, der für die vergangene Saison stand. Der Innenverteidiger brachte einen zerrissenen Spickzettel für Standards. Der Torwart einen Handschuh, in dem sich angeblich mehr Gegentore als Schweiß gesammelt hatten. Ein Stürmer brachte einfach nur ein leeres Blatt mit. „Das waren meine Auswärtsspiele“, sagte er.
JP legte alles in eine graue Plastikwanne und stellte sie auf den Mittelkreis. Dann mussten die Spieler nacheinander vorbeigehen, hineinschauen und einen Satz sagen, den man sonst nur in Therapieräumen oder gescheiterten Vorstandssitzungen hört:
„Ich erkenne an, dass ich Teil des Problems war.“
SamiNo stand daneben, Arme verschränkt, und wirkte wie ein Mann, der nicht sicher war, ob er Trainer einer Bundesligamannschaft oder Zeuge eines sozialpädagogischen Unfalls war.
Am zweiten Tag ließ JP alle Fußballschuhe in eine Reihe stellen und nummerieren. Nicht nach Größe. Nach biografischer Glaubwürdigkeit.
„Dieser Schuh hier“, sagte er und hob einen besonders weißen Neuzugangsschuh hoch, „hat noch nie ehrlich gelitten. Das ist gefährlich.“
Danach folgte „Defensiv-Origami“. Ziel war es, mit Papier Ketten zu falten, ohne dass Lücken entstehen. „Wenn ihr schon im Raum keine Kompaktheit herstellen könnt, dann wenigstens auf A4“, erklärte JP. Ein Außenverteidiger faltete einen Kranich. Ein Sechser einen Aschenbecher. Der Kapitän nur noch die Stirn.
Phase 2: Inselhopping als Führungsinstrument
In der dritten Woche der Pause verschwanden SamiNo ungewöhnlich gemeinsam mit JP: traditionell für einige Tage nach Asien. Das hatte sich bei JP so eingebürgert. Offiziell diente die Reise der „interkulturellen Horizonterweiterung im Kontext belastungsarmer Regeneration“. Inoffiziell war es Urlaub mit sehr schlechter Dokumentation.
Diesmal ging es über Phuket, Koh Phi Phi, Penang und Langkawi. JP bestand darauf, die Reise als „Taktik der beweglichen Inseln“ zu bezeichnen. Er hatte dafür eine Mappe angelegt, auf der groß „Nicht für die Buchhaltung“ stand.
Auf Phuket verbrachte JP einen Abend in einer Bar, in der sich laut ihm „mehr Wahrheit über das Spiel im Eins-gegen-eins“ erkennen lasse als in manchen Trainerfortbildungen. Er bestellte drei Cocktails mit Namen, die niemand aussprach, und führte lange Gespräche mit Ladyboys, die ihm mit deutlich mehr Klarheit erklärten, wann jemand nur eine Rolle spiele und wann jemand eine Rolle zu gut spiele.
„Chef“, sagte JP später auf dem Rückweg ins Hotel, „Fußball ist wie hier. Alle verkleiden sich. Die Frage ist nur: Wer ist ehrlich in seiner Verkleidung?“
SamiNo antwortete nicht sofort.
„JP, ich glaube, du bist gerade sehr nah an etwas Klugem vorbeigelaufen.“
Auf Penang verlor JP dann seine Sandalen, seine Zimmerkarte und kurzzeitig auch seine Überzeugung, dass man in Malaysia mit Französisch weiterkomme. Auf Langkawi bestand er darauf, mit einem Bootsführer über Staffelung gegen den Ball zu sprechen. Der Bootsführer hörte sich alles an, nickte höflich und fragte dann nur:
„You want snorkeling or not?“
SamiNo entschied, dass genau diese Frage vielleicht auch über die kommende Saison entscheiden würde: Will man wirklich noch einmal tief runter oder endlich wieder atmen?
Phase 3: Vorbereitung mit Nebenwirkungen
Zurück in Frankfurt wirkte JP verändert. Gebräunt, leicht zerkratzt und mit einer neuen Methode im Gepäck.
Sie hieß „falsche Erinnerung, richtige Reaktion“.
Die Spieler mussten im Trainingslager abends Szenen aus der letzten Saison nachspielen, aber mit falschem Ausgang. Nach jedem Gegentor stand JP am Spielfeldrand und rief:
„Nein! Diesmal verteidigt ihr erwachsen!“
Dann wurde die Szene neu gestartet. Nicht aus Analysegründen, sondern weil JP überzeugt war, dass der Körper sich irgendwann an bessere Entscheidungen erinnere, wenn man ihn oft genug belüge.
SamiNo war skeptisch.
„Du willst also mit nachträglicher Fiktion eine reale Defensive bauen?“
„Ja“, sagte JP. „Andere machen das mit Saisonzielen. Ich mache es wenigstens offen.“
Dazwischen führte SamiNo die wenigen wirklich brauchbaren Dinge ein: kürzere Abstände, klarere Laufwege, nüchterne Standards, weniger Theater. Die Mannschaft wirkte erstmals seit Monaten nicht glücklich, aber brauchbar. Und das war in Frankfurt bereits ein Fortschritt.
Phase 4: Der unerwartete Effekt
Am Ende der Vorbereitung, kurz vor dem Start der Saison 2026-2, versammelten sich Trainerstab und Mannschaft im kleinen Vortragsraum. SamiNo wollte gerade seine üblichen drei Sätze sagen – nicht mehr, nie mehr – da betrat der Zeugwart den Raum mit einem Paket.
Absender: Fundbüro Langkawi Ferry Terminal.
JP wurde blass.
Im Paket lagen seine verloren geglaubten Sandalen, die Hotelzimmerkarte von Penang und ein laminiertes Schild, das offenbar versehentlich in seinem Koffer gelandet war.
Darauf stand auf Englisch:
„Please do not leave baggage unattended.“
Es wurde still.
JP nahm das Schild in die Hand, sah die Mannschaft an und dann SamiNo.
„Chef“, sagte er langsam, „ich glaube, das ist es.“
„Was genau?“
JP hob das Schild wie eine Offenbarung.
„Unsere neue Defensivregel.“
SamiNo starrte ihn an. Die Mannschaft auch.
Und zum ersten Mal in diesem Sommer war allen gleichzeitig klar, dass diese absurde Vorbereitung am Ende vielleicht doch einen Sinn hatte.
Denn wenn Frankfurt in der neuen Saison eines nicht mehr tun durfte, dann das:
Gepäck unbeaufsichtigt lassen.